Brief von Claudia



Liebe Dhamma-Familie,

die Bilder aus Afghanistan erschüttern uns. Etwa 1000 Jahre lang spielte ein Teil Afghanistans, damals Gandhara genannt, eine bedeutende und zentrale Rolle für die Lehre des Buddha - und wie uns der Buddha vor Augen führt, ist alles der Vergänglichkeit unterworfen.

Als bekennende Buddhisten haben wir es zu unserer Lebensaufgabe gemacht, dem Wandel mit Wohlwollen, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut zu begegnen, um einen friedvollen Geist zu entwickeln. Wir wollen eine entsprechende Geisteshaltung entwickeln, um uns von unseren Vorstellungen wie wir die Welt gerne hätten, loszulösen und Frieden mit dem zu schließen, was ist wie es ist.

Shantideva sagt dazu:

„Wenn Du Dein Problem lösen kannst, wozu dann Sorgen machen? Und wenn Du es nicht lösen kannst, wozu dann Sorgen machen?“

Was in Afghanistan geschieht, ist für viele von uns verstörend und beängstigend. Es liegt in unserem menschlichen Dasein, dass wir uns hilflos fühlen, Angst haben und auch Wut in uns verspüren.

In den sozialen Medien werden zunehmend Bilder im Zusammenhang mit den Taliban geteilt, die z.B. zerstörte Buddhastatuen zeigen. Ähnliche Bilder wurden verwendet, als es in Myanmar zu dem furchtbaren Genozid gegen die Rohingyas kam: es handelt sich dabei um Bilder („sharepics“ genannt), die konkret darauf abzielen, Hass gegen den Islam zu erzeugen.

Ich selbst habe das leider hautnah in den sozialen Medien miterlebt und so gut es ging mit Zitaten aus dem Palikanon gegengesteuert: in der Lehre des Buddha gibt es eindeutige Unterweisungen, einen friedvollen Geist zu bewahren, der frei ist von Rachegelüsten, Wut und Hass.

Ich bitte Euch sehr, Euch von möglicher Hetze nicht mitreißen zu lassen, sondern in erster Linie Mitempfinden für die zahllosen Opfer dieser Katastrophe zu entwickeln. Bitte haltet Euch vor Augen, dass selbst die schlimmsten Terroristen Opfer ihrer eigenen Geisteshaltung sind, die sich -so wie wir- im Grunde genommen ein erfülltes und glückliches Leben wünschen, aber völlig in die Irre geleitet wurden.

Ja, es ist schwer – auch für mich. Ich war jahrelang aktiv in einer Menschenrechtsorganisation und mir ist leider bestens bekannt, zu welchen unmenschlichen Foltermethoden Terroristen in der Lage sind.

Diejenigen unter uns, die den Tibetischen Buddhismus praktizieren, bitte ich an die Haltung des Dalai Lama gegenüber den chinesischen Besatzern zu denken. Viele Tibeter mussten ähnliche Grausamkeiten erleiden und waren dennoch um eine friedvolle Geisteshaltung ihren Peinigern gegenüber bemüht.

Was sagt der Buddha? Lesen wir einen Abschnitt aus dem „Gleichnis von der Säge (MN 21)“, den Ihr im Palikanon in der Mittleren Sammlung findet:

"Wenn auch, ihr Mönche, Räuber und Mörder mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde wer da in Wut geriete nicht meine Weisung erfüllen. Da habt ihr euch nun, meine Mönche, wohl zu üben: 'Nicht soll unser Gemüt verstört werden, kein böser Laut unserem Munde entfahren, freundlich und mitleidig wollen wir bleiben, liebevollen Gemütes, ohne heimliche Tücke; und jene Person werden wir mit liebevollem Gemüte durchstrahlen: von ihr ausgehend werden wir dann die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem, durchstrahlen': also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu üben.“

Ebenfalls im Palikanon findet Ihr die Lehrrede, die sich auf die „Selbstläuterung (MN8)“ bezieht. Unter anderem spricht der Buddha folgende Worte:

"Aber hier, Cundo, sollt ihr Selbstläuterung üben:

'Die anderen werden in Wut geraten, wir nicht', so ist Selbstläuterung zu üben.

'Die anderen werden das Leben rauben, wir nicht', so ist Selbstläuterung zu üben. (…)“

Es lohnt sich, diese Lehrrede komplett zu lesen und darüber zu kontemplieren !

Und im Dhammapada finden wir auch Buddhas Worte der Weisheit im Vers 197:

„Den Hass nicht zu erwidern, das ist unser Glück;

Und hassen andre uns, wir hassen nicht zurück.“

In beängstigenden, herausfordernden Krisenzeiten ist es oft schwer, dass wir „bei uns bleiben“. Etwas, das mir immer hilft ist die Haltung: „Der Friede beginnt mit mir.“

Was wir tun können ist eine dankbare Haltung zu entwickeln, dass wir in der glücklichen Lage sind, Zugang zur Lehre des Buddha zu haben. Die Taliban haben diesen Zugang nicht. Schicken wir diesen Menschen ganz besonders gute Wünsche ohne auf Rache zu sinnen. Denken wir an Angulimala, der vom Massenmörder zum Heiligen wurde.

Beenden möchte ich mein Schreiben an Euch mit den Worten Angulimalas (MN 86):

„Mögen meine Feinde hin und wieder zuhör'n,

Dhamma hör'n von jenen, die von Nachsicht reden,

Jenen, die das Loblied von der Güte singen,

Mögen sie dem Dhamma gütig handelnd folgen.“

Bitte passt alle auf Euch auf und bewahrt die Lehre des Buddha in Eueren Herzen. Damit tragt Ihr einen wichtigen Teil zum Frieden in dieser Welt bei.

Eure

Claudia